15.10.2020

"Ich scheiß auf ge-genderte Berufsbezeichnungen"

Werden Frauen diskriminiert, indem Sie formal bei der Verwendung männlicher Bezeichnungen eh "mitgemeint" sind?

Ich sage: "mitgemeint" ist eine Illusion.

Und: Ich fühle mich durch ge-genderte Berufsbezeichnungen diskriminiert.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) sieht sich als Feministin und Vorreiterin für eine geschlechtergerechtere Sprache - und so hat ihr Ministerium jetzt einfach mal etwas versucht, das gesetzgeberisches Neuland ist:

Im Referentenentwurf zur „Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts (SanInsFoG)“ wird fast ausschließlich das generische Femininum verwendet. Er ist geprägt von Formulierungen wie Arbeitnehmerin, Beschwerdeführerin, Gläubigerin, Schuldnerinnen bis hin zu den „Inhaberinnen von Absonderungsanwartschaften“.

PolitikerInnen runzeln die Stirn; Politiker sind empört.

Ich sage: Ein mutiger Vorstoß! 

Und: Respekt!

Nicht nur, dass es dem lauwarmen Dauer-Alibi "muss das in Corona wirklich sein?" endlich den Stinkefinger zeigt. Hier zum Mitschreiben: ES GIBT KEIN NACH-CORONA!

Es bietet allen Skeptikern endlich mal ein naturechtes "Look and Feel" wie sich die Welt für "die andere Hälfte" anfühlt. Und Emotionen sind da in aller Regel sehr viel ehrlicher und direkter als jede Argumentationskette.

Innen- und Verfassungsministers Horst Seehofer (CSU) betont, dass das Gesetz so kaum verfassungsgemäß sein könne. „Während das generische Maskulinum, also die Verwendung der männlichen Sprachform, anerkannt ist für Menschen von männlichen und weiblichen Geschlecht, ist das generische Femininum zur Verwendung für weibliche und männliche Personen bislang sprachwissenschaftlich nicht anerkannt.“

Ja, stimmt formal und entspricht allgemeiner (männlich definierter) politischer Korrektness aber nicht der persönlichen Erfahrung der "anderen Hälfte". 

Horst bringt es auf den Punkt - jedoch leider nur aus männlicher Perspektive! Vielen Dank. Wie so oft käme es hier aber auf den Empfängerhorizont an, also auf den weiblichen (den der "anderen Hälfte"). Und zumindest mein weibliches Feedback wäre: "ich fühle mich nicht mitgemeint". Das entspricht nicht meinem Selbtswertgefühl.

Recht hat Horst aber beim Benennen des Problems: Dass Berufsbezeichnungen als Maskulinum verstanden werden!

Ich möchte als promovierte Juristin keine doppelt abgeleitete weibliche Form eines Mannes sein: "Doktora", "Rechtsanwältin"... wen interessiert mein Geschlecht im Business?

Ich habe denselben Abschluss abgelegt, ich bring dieselbe Leistung: ich verlange dieselben Tiel und Berufsbezeichnungen! Alles andere fühlt sich als Mogelpackung mit Disclaimer an.

Ich möchte nicht "mitgemeint" sein. Ich bin gemeint! 

Das muss das Ziel sein. Nichts weniger.

Im englischen Sprachraum habe ich es ausprobiert. Als "Coach, Trainer und Speaker" habe ich auch im deutschen Sprachraum persönlich ausprobiert, was es heißt, auf Augenhöhe mit derselben Berufsbezeichnung in direkte Konkurrenz zu treten. 

Ich sage: Herrlich. (wie sollte das ge-gendert werden?)

Und: Ich möchte auf keinen Fall für die "dritte Hälfte" (transgender, intersexual, non-binary, etc.) sprechen.

Lasst uns Berufsbezeichnungen ent-sexualisieren! Diese Grenzen sind nur errichtet worden, um auszugrenzen (z.B. Frauen an der Ausübung von Handwerksberufen zu hindern). Niemand sagt CEOin. Ebensowenig wie eine Vaterin oder einen Mutter.

Heute sind wir besser als das. Heute wissen wir, dass es genug von allem für alle gibt. Und wir haben Respekt vor den Lebensentscheidungen anderer. 

Oder nicht?!

Wir müssen es nur alle wollen. ALLE WOLLEN.

Dann bin ich endlich Doktor Tutschka. Dann bin ich endlich Rechtsanwalt - nach 25 Jahren.

Coach, Trainer und Speaker war ich vom ersten Tag an.

 

Dr. Geertje Tutschka, PCC 

(Lawyer, Leader, Coach)

 

Hier geht es zum Bericht zum geänderten Gesetzesentwurf.

Der Artikel erschien im Original in LinkedIn Pulse.

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