Wie werden Gerichtstermine zum Geschäftsmodell für Anwälte?
Gerichtstermine sind heute nicht nur Bestandteil anwaltlicher Prozessarbeit, sondern ein strategischer Baustein moderner Kanzleientwicklung. Durch Digitalisierung, Spezialisierung und Videoverhandlungen können Termine wirtschaftlich effizient organisiert und gezielt als Bestandteil eines skalierbaren Geschäftsmodells genutzt werden.
Viele Anwältinnen und Anwälte denken bei Gerichtsterminen zuerst an Aufwand. Mandanten denken zuerst an Kosten.
Strategisch betrachtet sind Gerichtstermine heute aber zunehmend ein Bestandteil eines skalierbaren Kanzlei-Geschäftsmodells.
Denn mit Digitalisierung, Spezialisierung und Online-Verhandlungen verändert sich gerade grundlegend, wie anwaltliche Prozessvertretung wirtschaftlich funktioniert.
Verdienen Anwälte an Gerichtsterminen unterschiedlich viel – je nach Dauer?
Die überraschende Antwort lautet:
In Deutschland meist nein.
Nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG) entsteht bei Wahrnehmung eines gerichtlichen Termins regelmäßig eine Terminsgebühr unabhängig von der Dauer der Verhandlung. Entscheidend ist primär der Streitwert – nicht die Länge des Termins. (Bußgeldkatalog)
Das bedeutet:
Eine 10-minütige Videoverhandlung kann wirtschaftlich identisch vergütet sein wie ein mehrstündiger Termin mit langer Anreise.
In Österreich dagegen kann die Dauer der Tätigkeit stärker in die Vergütung einfließen – dort verändert sich die Kalkulation deutlich.
Für deutsche Kanzleien ergibt sich daraus eine klare strategische Frage:
Wenn die Vergütung nicht zeitabhängig ist – warum sollte die Organisation der Termine nicht skalierbar sein?
Warum Gerichtstermine heute Teil eines skalierbaren Geschäftsmodells sein können
Früher bedeutete ein Gerichtstermin:
- reisen
- warten
- verhandeln
- zurückfahren
Heute bedeutet ein Gerichtstermin häufig:
- einloggen
- verhandeln
- nächsten Termin starten
Mit Videoverhandlungen (§ 128a ZPO) und digitaler Kanzleiorganisation entsteht ein völlig neuer Handlungsspielraum.
Gerichtstermine werden dadurch:
- schneller planbar
- geografisch entkoppelt
- spezialisierungsfähig
- wirtschaftlich skalierbar
Das verändert die Logik der Prozessvertretung.
Die versteckte betriebswirtschaftliche Logik hinter Gerichtsterminen
Wenn Vergütung nicht proportional zur Dauer steigt, entsteht ein klassischer Effekt aus der Plattformökonomie:
Effizienz erzeugt Marge.
Strategisch bedeutet das:
Kurze, gut vorbereitete Termine im gleichen Rechtsgebiet erhöhen die Wirtschaftlichkeit erheblich.
Beispielhafte Hebel:
1. Digitalisierung
Videoverhandlungen sparen Reisezeit und reduzieren Opportunitätskosten.
Ein einziger Tag kann mehrere Gerichtstermine ermöglichen – auch an unterschiedlichen Gerichten.
2. Spezialisierung
Wer regelmäßig im gleichen Verfahrenstyp verhandelt:
- arbeitet schneller
- argumentiert präziser
- reduziert Vorbereitungszeit
- erhöht Termindichte
Das ist kein Zufall, sondern Kanzleistrategie.
3. Online-Akquise
Digital gewonnene Mandanten erweitern den geografischen Einzugsbereich erheblich.
Damit entsteht erstmals:
ein bundesweites Terminportfolio statt regionaler Einzelmandate.
Warum Mischmodelle aktuell am besten funktionieren
Die Praxis zeigt:
Reine Online-Modelle funktionieren selten optimal.
Reine Präsenzmodelle ebenfalls nicht mehr.
Die meisten wirtschaftlich erfolgreichen Kanzleien nutzen heute ein Hybridmodell aus Online- und Präsenzvertretung.
Typische Struktur:
Online-Termine für:
- standardisierte Verfahren
- kurze Verhandlungen
- wiederkehrende Streitkonstellationen
- spezialisierte Nischenmandate
Präsenztermine für:
- komplexe Verfahren
- strategisch wichtige Mandate
- hochvolumige Streitwerte
- persönliche Mandantenbindung
Das Ergebnis:
Mehr Termine pro Zeiteinheit bei gleichzeitig höherer strategischer Steuerbarkeit der Kanzleiressourcen.
Was Mandanten dabei zunehmend erwarten
Mandanten fragen heute häufiger:
- Muss ich wirklich persönlich erscheinen?
- Kann mein Anwalt online teilnehmen?
- Ist das günstiger?
Tatsächlich entstehen bei Präsenzterminen häufig zusätzliche Reisekosten, die erheblich sein können – teilweise mehrere tausend Euro pro Termin bei größeren Entfernungen. Digitale Termine sind deshalb nicht nur effizienter für Kanzleien, sondern auch für Mandanten.
-> Denn die wichtigste Ressource ist heute neben Geld ZEIT!
Sie sind auch ein Wettbewerbsvorteil in der Mandantenkommunikation.
Gerichtstermine als Teil moderner Kanzleistrategie
Strategisch gedacht gehören Gerichtstermine heute in drei Kategorien:
Kategorie 1 – Standardisierte Terminsvertretung
ideal für Spezialisierung + Skalierung
Kategorie 2 – Strategische Verfahren
wichtig für Reputation und Positionierung
Kategorie 3 – Premium-Mandate
entscheidend für Umsatzstruktur und Mandantenbindung
Die wirtschaftlich stärksten Kanzleien entscheiden bewusst, welche Termine in welche Kategorie fallen.
Nicht zufällig.
Sondern strategisch.
Das verändert gerade das Geschäftsmodell der Prozessvertretung
Früher:
Gerichtstermine = notwendiger Aufwand
Heute:
Gerichtstermine = steuerbarer Teil der Kanzleiökonomie
Mit Digitalisierung entsteht erstmals die Möglichkeit:
an einem Tag gleichzeitig in mehreren Regionen präsent zu sein
ohne dort physisch zu reisen.
Das verändert:
- Spezialisierungsstrategien
- Kanzleistrukturen
- Mandatsakquise
- Umsatzlogik
Die 3 wichtigsten Takeaways: Wie Gerichtstermine ein Geschäftsmodell sein können
1️⃣ Digitalisierung macht Gerichtstermine skalierbar
Videoverhandlungen erhöhen Termindichte und reduzieren Opportunitätskosten.
2️⃣ Spezialisierung erhöht Wirtschaftlichkeit pro Termin
Routine reduziert Vorbereitungszeit – und steigert Marge.
3️⃣ Online-Akquise erweitert den geografischen Mandantenmarkt
Der Einzugsbereich einer Kanzlei ist heute nicht mehr regional begrenzt.
Fazit: Gerichtstermine sind heute Teil moderner Kanzleistrategie
Gerichtstermine sind längst nicht mehr nur notwendiger Bestandteil anwaltlicher Tätigkeit.
Durch Videoverhandlungen, Spezialisierung und digitale Mandantenakquise werden sie zunehmend zu einem steuerbaren Bestandteil wirtschaftlicher Kanzleistrategie.
Gerade im RVG-System entsteht dadurch ein besonderer Effekt:
Nicht die Dauer des Termins entscheidet über die Wirtschaftlichkeit, sondern Organisation, Spezialisierung und Terminstruktur.
Wer Gerichtstermine strategisch plant statt nur organisatorisch verwaltet, verändert sein Geschäftsmodell nachhaltig.
Q&A – häufige Fragen zum Geschäftsmodell Gerichtstermine
Sind Online-Gerichtstermine für Anwälte wirtschaftlicher als Präsenztermine?
Häufig ja. Reisezeiten entfallen, Termine lassen sich dichter planen und mehrere Verfahren können an einem Tag wahrgenommen werden.
Spielt die Dauer eines Gerichtstermins für die Vergütung nach RVG eine Rolle?
In der Regel nicht. Entscheidend ist primär der Streitwert, nicht die Länge des Termins.
Sind Videoverhandlungen heute Standard?
Noch nicht vollständig – aber sie nehmen seit Einführung von § 128a ZPO und durch Digitalisierung der Justiz kontinuierlich zu.
Kann Spezialisierung die Wirtschaftlichkeit von Gerichtsterminen erhöhen?
Ja. Wiederkehrende Verfahren reduzieren Vorbereitungszeit und erhöhen die Termindichte pro Arbeitstag.
Autorinnenprofil
Dr. Geertje Tutschka, MCC, ist Rechtsanwältin, Kanzleiberaterin und Legal Coach sowie Gründerin von CLP – Consulting for Legal Professionals. Sie begleitet Anwältinnen, Anwälte und Kanzleien in Deutschland und Österreich bei Kanzleistrategie, Business Development, Positionierung, Leadership und juristischen Karriereentscheidungen. Ihre Arbeit verbindet juristische Branchenexpertise mit Coaching- und Managementmethoden speziell für die Rechtsbranche. Entdecke auch ihre Fachbücher für Juristen hier bei uns.
Call-to-Action
Gerichtstermine verändern gerade ihre Rolle im Geschäftsmodell vieler Kanzleien. Die entscheidende Frage ist deshalb: Wie lässt sich Ihre eigene Terminstrategie wirtschaftlich sinnvoll strukturieren?
Typische Ansatzpunkte sind:
- Spezialisierung auf skalierbare Verfahrensarten
- Nutzung digitaler Gerichtstermine
- strategische Auswahl von Präsenzverfahren
- Aufbau eines größeren geografischen Mandantenradius
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Dieser Beitrag gehört zum Schwerpunkt: Akquise, eigene Mandanten & Kanzleiwachstum
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