20.01.2022

TINAs ART&weise

Unser monatlicher Coaching-Impuls mit Kunst im Blog: Unsere Coach-Kollegin und Kunstexpertin Christina Ringe-Rathgen wird ausgewählte Bilder aus ihrem eigenen Werk sowie Bilder anderer bekannter und weniger bekannter Künstler präsentieren und sich dazu auf ihre Art ein paar Gedanken machen. Als add-on gibt es am Ende der Kunstreflexion, jeweils eine kurze auf das Thema abgestimmte Coaching-Einheit. Ein literarisch-philosophischer Kunstschmaus für Augen und Seele.

Und das Beste: an jedem letzten Donnerstag im Monat haben sie Gelegenheit, eine inspirierende Mittagspause mit ihr persönlich zum Thema des Monats zu erleben!

Get inspired!

Dr. Faustus und das Ikigai

„Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“ - Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort? Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, ich muss es anders übersetzen, wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.

Geschrieben steht: „Im Anfang war der Sinn!“ - Bedenke wohl die erste Zeile, dass deine Feder sich nicht übereile! Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?

Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft! - Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.

Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat. Und schreib getrost: Im Anfang war die Tat!“

J. W. Goethe „Faust“

© Tina Ringe . la ola . acryl, pastell, canvas . 120 x 180 . 2018

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Januar - der Monat des Neuanfangs. Das neue Jahr hat eben begonnen, ist noch jung und unverbraucht. Frische Ideen und gute Vorsätze stehen ganz oben auf der Agenda. Neujahr ist mit einer großen Symbolkraft aufgeladen, steht sinnbildlich für Energie, Tatkraft und Neues. An uns liegt es, die Symbolik mit Realität und Leben zu füllen, unsere Ideen Wirklichkeit werden zu lassen, aus Vorsätzen Taten zu machen.

Im Eingangstext erleben wir Goethes Dr. Faustus, der sich in seinem berühmten Studierzimmer sitzend, auf der Suche nach Erkenntnis mit der Übersetzung des Johannesevangeliums abmüht. Entschlossen, zum Wesen der Dinge vorzudringen, hat er sich dafür nichts Geringeres als das Neue Testament ausgesucht, das es in die deutsche Sprache zu übertragen gilt. Doch schon der Einstieg gestaltet sich schwierig.

Die Übersetzung „Am Anfang war das Wort“ missfällt ihm, da ihm 'das Wort' für das griechische logos unangemessen erscheint, um damit den Ursprung allen Daseins zu beschreiben. So ersetzt er 'Wort' zunächst mit „Sinn“, versucht es dann mit „Kraft“ und entscheidet sich schließlich für die Fassung: „Am Anfang war die Tat“.

In diesem Übersetzungsprozess spiegelt sich auch Fausts innere Wandlung wider: Nicht mehr das Wort, sondern die Tat als Ausgangspunkt und Motor aller Entwicklung. Faust beschließt, die Welt des Wortes und der Gelehrsamkeit zu verlassen und das Leben in der Tat zu ergründen.

Die heranrauschende Welle auf dem Bild „la ola“ steht sinnbildlich für die Kraft der Naturgewalten - für Bewegung, Dynamik, Energie, Action, kurz: für die Tat. Eine tosende Welle, die mit ungebrochener Kraft auf das Land zurollt, das ist Aktivität pur, die sich nicht bremsen lässt. Gleichzeitig jedoch auch wilde, unkanalisierte Kraft, ohne Sinn und Ziel, eine Kraft, die am Ufer bricht und ins Leere läuft. In der Natur ist das der Lauf der Dinge, der Wellengang ist Teil des großen Gleichgewichts. Anders bei uns Menschen. Damit unser Handeln eine Richtung bekommt, braucht es Zielsetzung und den sogenannten Purpose, also Sinn und Zweck, oder anders ausgedrückt die sowohl in einem Unternehmen wie auch in jedem Einzelnen tief verankerte individuelle Motivation von dauerhafter Gültigkeit. Nur wenn diese gegeben ist, kann Handeln zur Erfüllung werden.

Was könnte nun diese Motivation sein?

Hier kommt das Ikigai ins Spiel. Schonmal davon gehört?

Ikigai ist ein japanisches Wort und verbindet “iki” für “Leben” mit “gai” für “Wirkung, Ergebnis, Frucht, Wert, Nutzen”.
Vom japanischen Okinawa-Archipel stammend, fasst das Ikigai-Modell die große Frage in einem Wort zusammen:

Warum stehe ich morgens auf? Warum ist mein Leben lebenswert?

Auf Okinawa erreichen überdurchschnittlich viele Menschen ein dreistelliges Lebensalter. Die kurze Erklärung dafür ist die, dass die Bewohner Okinawas besonders zufrieden sind. Denn Menschen, die zufrieden sind und weniger Stress haben, bleiben erwiesenermaßen länger gesund und erreichen ein höheres Lebensalter. - Wann also sind Menschen zufrieden? Dann, wenn sie tun, was sie lieben und was ihren Werten entspricht. Ikigai ist das, wofür es sich morgens aufzustehen lohnt.

Wie funktioniert das nun mit dem Ikigai?

Das Konzept des Ikigai ähnelt anderen, bekannteren Konzepten wie dem Flow, jener optimalen Erfahrung, bei der wir die Zeit und unsere Umgebung vergessen. Es ist eine Energie, die Berge versetzen kann, denn Ikigai ist der Ausdruck unseres Weges, unserer tiefsten Identität. Die Japaner sagen, dass wir alle ein ikigai oder sogar mehrere in uns haben, auch wenn wir uns dessen nicht immer bewusst sind. Es entwickelt sich mit der Zeit.

Der Langlebigkeits-Experte von National Geographic, Dann Buettner, leistete einen wichtigen Beitrag zur Bekanntmachung des Begriffs Ikigai, als er 2005 eine Verbindung zwischen dem Konzept und der außergewöhnlichen Langlebigkeit der Inselbewohner Okinawas herstellte, einer der vier “blauen Zonen”, die sich dadurch auszeichnen, dass die Menschen länger und gesünder leben als irgendwo sonst auf der Welt.

Ikigai liegt zwischen Selbstverwirklichung (jiko jitsugen) und dem Gemeinwohl (Ittaiken). Dan Buettner betonte dabei auch die Bedeutung, die ikigai dem Gedanken des Dienstes an der Gemeinschaft beimisst. Kurz, wir leben besser und länger, wenn wir mehrere Faktoren kombinieren: das, was wir lieben, das, was wir können, das, was wir der Welt geben können und das, wofür wir bezahlt werden.

Im Modell finden sich mehrere Schnittmengen des Glücks. Der Idealzustand des Ikigai ist dort erreicht, wo sich alle Bereiche treffen: Wir brennen für das was wir gut beherrschen, was die Welt brauchen kann und wofür wir bezahlt werden.

Das sind die Teilbereiche:

Leidenschaft (Passion)


Die Leitfrage dazu: Was liebst du? Was kannst du stundenlang tun, ohne müde zu werden. Bei welchen Dingen verlierst du die Zeit aus den Augen? Wann bist du im Flow?

Aufgabe (Mission)

Die Leitfrage dazu: Wofür stehst du morgens auf? In was für einer Welt möchtest du leben? Hier geht es um Überzeugungen, Werte und Ideale.

Berufung (Vocation)


Die Leitfrage dazu: Worin bist du gut? Welches sind deine Stärken? Deine Fähigkeiten?

Beruf (Profession)


Die Leitfrage dazu: Wofür wirst du bezahlt? Idealerweise gibt es hier Überschneidungen zur Berufung. Ansonsten wird der Beruf wohl sehr erschöpfend sein.

Treffen sich alle Bereich, sind wir im „Sweet spot“, wie es die Digitalen Nomaden gern nennen: Wir brennen für etwas, was wir gut beherrschen, was die Welt brauchen kann und wofür wir bezahlt werden. Nun gut, eine Annäherung in diese Mitte ist auch schon erstrebenswert.

Finde nun dein eigenes Ikigai!

Wofür lohnt es sich für dich zu leben? Ziel des Modells ist nichts weniger als den Sinn des eigenen Lebens zu finden, ihm eine Bedeutung zu geben – und so zu absoluter Erfüllung und Zufriedenheit zu gelangen.

© dreamstime TORONTO STAR GRAPHIC

Der gelehrte Dr. Faustus hat es wahrscheinlich nicht bis Japan geschafft. Er hätte jedoch gut daran getan, sich bei seiner Suche nach der einen wahren Antriebskraft im Leben nicht auf diese eine zu beschränken. Das Ikigai-Modell vor Augen, schließen sich die Beweggründe, die Goethe seinem Faust an die Hand gab, nicht gegenseitig aus: Wort - Sinn - Kraft - Tat. Die Mischung macht’s!

Logos oder Ikigai - oder einfach Lebensglück. Nennen Sie es, wie es Ihnen am besten gefällt. Am Ende zählt, dass Sie sich bewußt machen, was Ihr persönlicher Antrieb im Leben ist. Haben Sie den Sinn für sich gefunden, wird die Energie von ganz allein hinterherkommen. Und vom Handeln hält Sie dann kein Mephistopheles dieser Welt mehr zurück!

In diesem Sinne, einen guten Start in ein sinnerfülltes und energiegeladenes 2022!

Ihre Tina

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Ihr Coaching-Impuls mit TINAs ART&weise

Folgendes Selbstcoaching-Tool ist eine einfache Übung mit großem Effekt für Ihre Energiebilanz:

„Das Energiefass“

Zeichnen Sie sich auf ein Blatt Papier ein großes Fass. Oben ist es offen, unten besitzt es einen kleinen Abflusshahn. Dieses „Energiefass” symbolisiert Ihren persönlichen Energiehaushalt.

Nun bewerten Sie Ihre augenblickliche Situation: Wo ungefähr liegt gerade jetzt Ihr Energiehaushalt? Ist das Fass halb voll oder zu 70 % mit Energie gefüllt? Ist es weniger als die Hälfte? Zeichnen Sie sich einen Strich an die Stelle, die Sie als augenblicklichen Stand Ihrer Kraftreserven wahrnehmen.

1. Wohin fließt Ihre Energie im Job?

Es gibt negative, aber auch positive, alltägliche Aufgaben und Situationen, die Ihnen Kraft kosten. Das können unproduktive Meetings, aber auch der Stau auf dem Weg zur Arbeit sein. Das können unklar formulierte Ziele, aber auch die sich türmende Bügelwäsche sein. Auch das Treffen mit Freunden, der Verein, die ehrenamtliche Vorstandsarbeit können anstrengend und energieraubend sein. Schreiben Sie sich zum „Ablaufhahn“ Ihrer Zeichnung alles auf, was Ihnen einfällt und Leistung von Ihnen beansprucht.

2. Woher bekommen Sie neue Energie?

Überlegen Sie, was Ihnen Energie gibt. Was sind Ihre Kraftspender? Das könnte eine entspannte Tasse Tee, der Plausch beim Spaziergang, ausreichend Schlaf, Hobby, Sport, Freunde (das Treffen mit Freunden kann Energie sowohl verbrauchen wie auffüllen) oder gesunde Ernährung sein. Auch die kleinen Pausen im Büroalltag, eine erreichte Zielvorgabe oder ein konstruktiv verlaufenes Konfliktgespräch können als Energiespender fungieren.

Notieren Sie sich nun oben an Ihrem „Energiefass” alles, was Ihnen Kraft gibt und Ihnen gut tut. Vergessen Sie dabei bitte nicht die kleinen, alltäglichen Dinge.

-> ToDo: Listen Sie die drei größten Energiefresser untereinander auf. Wie müsste es in Zukunft anders sein, damit diese Dinge keine Belastung mehr für Sie darstellen und Ihnen keine Energie mehr rauben?

-> Wer schreibt, der bleibt! Nehmen Sie sich kurz Zeit und notieren Sie sich hinter jeden Punkt einen möglichen zukünftigen Umgang mit dem jeweiligen Thema.

TINAs ART&weise lädt Sie ein, dies gemeinsam in einer inspirierenden Mittagspause durchzuführen!

Anmeldung zur Mittagspause am Donnerstag, den 27.01.2022 von 12.00-12.30 Uhr hier.

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Quellen

tinaringe.de/bilderzyklus-wasser/ www.thestar.com/life/relationships/2016/09/06/why-north-americans-should-consider-dumping-age- old-retirement-pasricha.html
https://creativityhacks.de/?s=ikigai www.haufe-akademie.de/blog/themen/persoenliche-kompetenz/selbstcoaching-mehr-energie-im-job/

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