07.06.2020

Standpunkt: #BlackLivesMatter

Um es gleich vorweg zu nehmen: es kann heute nicht mehr darum gehen, DASS JEDES LEBEN ZÄHLT. Das ist gelebter Konsens in unseren Gesellschaften, Inhalt unserer Verfassungen, der Rechtsprechung und Gesetzgebung, das verbindet Völker über Grenzen hinweg nicht erst seit Corona...

Und doch ist dieser Hass da: Menschen hassen Menschen.

Weil Sie sich benachteiligt/bedroht/beleidigt fühlen. Weil in ihrer Welt die Welt zu klein ist für alle. Weil Sie Angst haben.

Nicht erst seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd Ende Mai 2020, sondern bereits seit 2013 formierte sich eine internationale Bewegung gegen Rassismus in Bezug auf Farbige und hier insbesondere Afro-Amerikaner unter dem Hashtag #BlackLivesMatters, die gerade in dieser Woche mit dem #BlackOutTuesday online in den sozialen Medien am Dienstag sowie offline mit Demonstrationen in vielen Städten weltweit mit tausenden Teilnehmern für Aufmerksamkeit gesorgt hat: Eine Initiative, die nicht nur in den USA polarisiert, oft an Generationsgrenzen entlang. Warum?

Rassismus sucks! Zumindest in diesem Punkt dürften wir - in meiner Welt - eine überwiegende Zustimmung haben.

Und doch - So einfach ist es nicht:

  1. #AllLivesMatter: Bereits Obama hatte sich vor Jahren für eine differenzierte, aber offene Initiative eingesetzt und wollte #BlackLivesMatter zumindest auch gegen den Rassismus in Bezug auf andere Bevölkerungsgruppen verstanden wissen: #AllLivesMatter
  2. Bist Du nicht mit uns bist Du gegen uns: Das Mittel der Demonstrationen als Protestmittel ist sicher nicht jedermanns Sache: sei es, weil die Polizeigewalt gegen Demonstranten im jeweiligen Land unberechenbar ist, sei es, weil es eigene Negativerfahrungen im Zusammenhang mit Demonstrationen gibt.
  3. Solidarität für einen fremd-nationalen Konflikt geht nicht ohne Eigenverantwortung: Was Amerikaner in den USA anprangern, sollten wir noch lange nicht - zumindest bis wir unsere Hausaufgaben gemacht haben. Was im Kontext der US-amerikanischen Rassismus-Kultur in vielerlei Hinsicht "gewachsener" Alltag ist, kann nicht ohne weiteres in einen europäischen Kontext übertragen und kritisiert werden.

Wenn wir hier in Europa, in Deutschland/in Österreich uns hinter den Slogan #BlackLivesMatter stellen, scheint es nur allzu einfach, den Rassismus in den USA aus der Ferne anzuprangern. Ernsthafter ist es da bereits, zumindest den Rassismus vor der eigenen Haustür in Deutschland und Österreich einzubeziehen - der jedoch wie wir wissen sich zwar auch aber eben nicht nur gegen dunkelhäutige/Afrikaner entlädt - und zwar nach dem zweiten Weltkrieg: mit türkischen und vietnamesischen Einwandererfamilien haben wir in Ost- und Westdeutschland bereits Geschichte geschrieben; die Flüchtlingskrise entlud sich vor allem gegen Syrer und Chinesen waren schon vor Corona mit dem Schlagwort "Overtourism" und "Fremd-Investoren" in die Kritik geraten.

Was also tun? #BlackLivesMatter unterstützen oder ignorieren?

Aufsehen und einen Aufschrei hatte nach George Floyds Tod der Twitter Tweed von Trump erzeugt, indem er die Demonstranten als "THUG"s bezeichnet hatte - eine Abkürzung, die in den USA seit den 90er Jahren durch den "Gangster Rapper" 2Pac kreiert wurde und für "Thug Life" steht, die Anfangsbuchstaben von:

  • The
  • Hate
  • U
  • Give
  • Little
  • Infants
  • Fucks
  • Everybody

Sinngemäß übersetzt:

"Der Rassismus, mit dem Du kleine Kindern aufwachsen läßt, entlädt sich um so stärker gegen alles und jeden, wenn diese Erwachsene sind."

"The Hate U Give" wurde dann erstmals von der der afro-amerikanischen Schriftstellerin Angie Thomas 2017 in ihrem erfolgreichen JugendRoman differenziert und eindrucksvoll aufgegriffen (ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2018); die gleichnamige Verfilmung 2018 hat gerade in der Generation Z eine breite Fan-Base. Von der Deutschen Film- und Medienbewertung wurde The Hate U Give mit dem Prädikat Besonders wertvoll versehen und im Januar und Februar 2020 wurde der Film im Rahmen der SchulKinoWochen in Nordrhein-Westfalen, Deutschland vorgestellt.

Ich selbst habe den Film nun schon in mehreren Sprachen gesehen: er ist absolut empfehlenswert; idealerweise natürlich im Original-Ton englisch, weil der ins deutsche übersetzte "farbige Slang" mit all seinen Metaphern und Symbolen bestenfalls bemüht und aufgesetzt wirkt.

The hate you give - the love you give!

Meine drei blonden Mädchen spielten in Deutschland ganz selbstverständlich mit ihren dunkelhäutigen Freundinnen. Auf der Internationalen Schule in Detroit war es für sie ebenso selbstverständlich. Dennoch wurde uns bewußt, dass Farbige in der Automobilkrise in Detroit besonders benachteiligt waren und wir unterstützten Initiativen gegen Gewalt und Obdachlosigkeit von Kindern in Downtown Detroit. Und fühlten uns unwohl, wenn uns farbige Dienstleister mit weißen Handschuhen bedienten.

Der Besuch des Wright Museums in Detroit für Afro-American Historie, welches die Sklaverei von der Ankunft in den USA bis zu Obama beschreibt, und der Underground Railroad des Detroit Historic Society, welche die spezifische Rolle Detroits in der Befreiung und auch späteren Ausnutzung in der Automobilindustrie bis hin zu den größten Rassenunruhen in den USA beschreibt, brachte für mich Differenziertheit in diese amerikanische Vergangenheit und deren Aufarbeitung.

Wir verbrachten als Familie schöne Tage auf Belle Isle und im Kunstprojekt gegen die Rassenunruhen in der HeidelbergStreet in Detroit - typischen Schwarzenvierteln von Motown- , doch erst in einem Diner in Alabama wurde mit bewußt, dass unsere "weiße Anwesenheit" nicht nur als Solidarität sondern auch als Übergriffigkeit gewertet werden kann.

Das IZIKO Slave Lodge Museum in Kapstadt in Südafrika stellte für mich dann das fehlende Puzzle meiner eigenen Verantwortung: die europäische Verantwortung aus Kolonialzeit und dem Business Model Menschenhandel der niederländischen West Indischen Company - die Antwort auf die Frage:

Wie wurden aus farbigen Menschen, die frei und gleich geboren worden waren, Unterprivilegierte? Und warum sind sie es heute noch?

Was ist es, was diese jahrhundertealte Denke vom "überlegenen weißen Mann" heute noch für uns attraktiv macht?

Wir in Europa haben nicht nur selbst strukturellen Rassissmus (z.B. beim "profiling"), sondern haben ihn quasi erfunden als wir begannen, den afrikanischen Kontinent und dessen Ureinwohner systematisch wirtschaftlich zu unserem Vorteil auszubeuten und dies auch auf andere Kontinente exportiert haben - bis heute.

Es geht um Veränderung und Aufmerksamkeit (was erst mal anstrengend ist).

Es geht darum, bei Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen nicht wegzusehen, sondern aktiv zu werden (denn nur den Mutigen gehört die Welt).

Es geht darum, auf geschenkte Privilegien zu verzichten (was schon unbequem ist).

Was heißt das im Einzelnen?

  1. Clean Language: Machen Sie sich bewußt, wessen Sprache Sie sprechen!

Es geht nicht nur um das "N-Wort" - es geht auch um den Mohrenkopf und den Mohrenkuss, es geht um den "Dummen Mohren" und den "Neger-König" in unseren Kinderbuchklassikern "Struwelpeter" und "Pipi Langstrumpf", es geht um den "Zwarte Piet", der mit dem Nikolaus als Gruß aus der Kolonialzeit die niederländischen Kinder im Dezember besucht und das alte deutsch Kinderspiel "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann". Es geht um das Eingangsportal zu Hagenbecks Tierpark in Hamburg mit Schwarzafrikanern als "Tierschauobjekte" aus der Zeit der Völkerschauen, als farbige Familien wie Tiere in Zoos ausgestellt wurden. Es geht um das Logo des Wiener Kaffeeherstellers Meindl, der einen Farbigen mit traditioneller Dienstkleidung aus der Kolonialzeit darstellt, um das "Afrikanische Viertel" des Berliner Wedding und die Ortschaft "Schwarzindien" im Salzburger Land, die Debatte um den Einsatz farbiger Sänger bei der Besetzung des Othellos und die unrühmliche Diskussion zum Verbot, sich mit "schwarzer Haut" zu verkleiden, sei es bei den der Kölner Karnevalsvereinen, als 3.König bei den Sternsingern (den heiligen drei Königen am 6.Januar) oder dem Verbot des Kostüms "Flüchtling". Und nicht zuletzt die vielen unrühmlichen Ausweichmanöver Deutscher, Österreichicher und anderer europäischer Museen und Nationalgalerien, wenn es darum geht, Raubbeute aus der Kolonialzeit an die rechtmäßigen afrikanischen Besitzer und/oder Nationen zurückzugeben und nicht weiter damit "Big Business" zu machen.

Sprechen Sie mit "Clean Language" vor allem zu Kindern!

2. Say it out laugh: Treten Sie nicht nur für Solidarität sein, sondern reagieren Sie jeden Tag mit Sensibilität, wenn in Ihrem Umfeld sich das Gedankengut der alten Kolonialherrschaft ganz selbstverständlich Raum nimmt.

Denken Sie sich nicht Ihren Teil im Stillen. Seien Sie aktiv und mutig! Sagen Sie Ihre Meinung laut und deutlich und treten Sie gegen jegliche Form von Diskriminierung ein -

Denn damit treten Sie auch für sich selbst ein! Und für unsere Kinder.

3. Diversity: Sagen Sie Monokulturen den Kampf an!

Eingeschlossene Denkkreise produzieren abgeschlossene Ergebnisse, vernichten Leben und blühende Landschaften! Und werden ganz sicher an den Herausforderungen unserer Zeit scheitern! Sicherstes Indiz: "Da ist bei uns schon immer so; das ist Tradition!" Doch bedenken Sie: der Ruf nach Diversity löst eine Krise der Privilegierten aus, die sich bewußt werden, dass sie es nicht aus eigener Kraft geschafft haben und/oder sich von diesen geschenkten Privilegien trennen müssen, um nicht diskriminierend zu sein.

Zeigen Sie Kindern, dass wahre Stärke darin liegt, andere zu unterstützen!

Wir in Europa sprechen auch heute noch die Sprache der Kolonialherren, die große Teile ihrer Wirtschaft mit dem Geschäft des Menschenhandels in Afrika aufgebaut haben - und haben heute noch nicht einmal die Größe, es jedem Schulkind zu sagen. Stattdessen (er)findet unsere Wirtschaft immer neue alte Möglichkeiten, aus dem afrikanischen Kontinent und seinen Bewohnern zu profitieren. Aktuelles Beispiel ist die Subventionierung der Milchüberproduktion, die dann als Trockenmilch nach Afrika für gutes Geld verkauft wird und es dort einheimischen Milcherzeugern unmöglich macht, konkurrenzfähig zu sein.

Das alles wirft kein gutes Licht auf uns hier in Europa. Was wäre wenn wir so weit gehen wollten uns einzugestehen, dass wir am Tod von George Floyd aufgrund unserer bornierten kolonialen Habgier zumindest mitschuldig sind?

Wir haben es in der Hand die Dinge zu ändern und uns von unseren Herrschaftsideen und maßlosen Profitgier zu distanzieren.

Wir entscheiden, ob wir unseren Kindern Hass oder Liebe für andere Menschen mitgeben.

Wir können uns bewußt dafür entscheiden, die ganze Wahrheit zu sehen und auszuhalten.

Sollten uns also wirklich Bequemlichkeit, Mutlosigkeit und Sessel-Kleben davon abhalten?

Es geht heute nicht darum, dass JEDES LEBEN ZÄHLT!

Es geht um die Entscheidung für Hass oder Liebe für alle - da bin ich ganz bei der Generation Z!

Albert Einstein hat einmal gesagt: "Es sollte jedem klar sein, dass man für andere Menschen existiert." Ein kluger Mann, unbestritten.

Unser aktueller CLP-Newsletter berichtet deshalb darüber, wie wir bei CLP - Consulting for Legal Professionals als auf Juristen und Kanzleien spezialisierte Unternehmensberatung das letzte Corona-bedingt schwierige Quartal umso intensiver "zusammengeholfen" haben (wie man in Österreich so schön sagt) und dies gerade mit viel ehrenamtlichem Engagement für die juristische Branche. Und deshalb engagiere ich mich persönlich ehrenamtlich seit Jahren für die CoachingInitiative für Schulen und Lehrer, wofür wir 2018 in Vancouver den "Gift of Coaching-Award" der ICF Foundation erhielten und ab morgen beim deutschen Hackathon #WirFürSchule.

THE LOVE U GIVE...

In diesem Sinne -

Ihre Dr. Geertje Tutschka, PCC

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