27.10.2020

Interview: Joanna Hardy, UK

CLP begleitet seit Jahren Kolleginnen und Kollegen aus sehr unterschiedlichen Bereichen der Rechtsbranche auf ihrem beruflichen Weg zum Erfolg. In dieser dritten Interviewreihe wird es darum gehen, wie vielfältig sich Anwaltspersönlichkeiten aus ganz Europa in und neben ihrem Beruf engagieren. Und natürlich haben wir Sie auch wieder nach ihrem ganz persönlichen Erfolgsgeheimnis gefragt!

Die CLP - Interviewreihe geht in die dritte Runde: Nach der Expertenrunde sowie den Legal-Coaches geht es nun in erster Linie um besonderes Engagement in und neben dem Anwaltsberuf. Einige von ihnen sind für dieses Engagement bereits mit Preisen geehrt worden; in jedem Falle aber sind alle Kolleginnen und Kollegen in diesem Kreis sehr erfolgreich in dem, was sie tun. Das mag an der mitreißenden Leidenschaft liegen, mit der sie sich für ihre Sache engagieren. Oder an ihrem persönlichen Erfolgsrezept, was sie uns jeweils am Ende verraten.

Wer ist Joanna Hardy?

Joanna Hardy ist Strafverteidigerin mit Sitz in England. Sie studierte Jura am King's College London und wurde mit First Class Honours ausgezeichnet. Sie blieb am King's College, um für ihren LL.M. (Master of Law) zu studieren und schloss mit Auszeichnung ab. Sie erhielt das Harmsworth-Stipendium von Middle Temple und wurde 2010 in die Anwaltskammer berufen.

Joanna verfolgt und verteidigt nun schwere Verbrechen. Sie ist im Legal 500 und in der Zeitung "Progress 1000" der Evening Standard Newspaper aufgeführt - einer Liste der einflussreichsten Personen in London. Sie ist eine qualifizierte Anwaltschaftstrainerin bei Middle Temple. Joanna spricht und schreibt regelmäßig über das Strafrechtssystem.

Ihr Kampf gegen sexuelle Witze über weibliche Anwälte durch ihre Kollegen ging 2019 viral: In mehreren Tweets auf Twitter hatte sie an ihre männlichen Kollegen appelliert, vor Gericht keine Witze mehr über Brüste und Röcke zu machen. Hardy hat ca. 34.000 Follower auf Twitter. Ihr Ziel war es, die Flucht der Frauen aus dem Anwaltsberuf zu stoppen.

Joanna lebt in London mit ihrem Verlobten Jamie und ihrem Miniatur-Dackelhund, Mr. Pickle.

#1 Was bedeutet es Ihnen "Vorbild für Anwältinnen" zu sein?

Als ich zum ersten Mal Anwältin wurde, hatte ich Mühe, Vorbilder zu finden. Ich war eingeschüchtert von den Frauen an der Spitze des Berufsstandes. Die sehr traditionelle und altmodische Hierarchie des Systems bedeutete, dass ich das Gefühl hatte, dass es schwierig war, an meine Vorgesetzten heranzutreten und mit ihnen zu sprechen. Als ich älter wurde, merkte ich, dass diejenigen an der Spitze im Allgemeinen immer bereit sind, zurückzugreifen und denjenigen, die den Weg nach ihnen beschreiten, eine helfende Hand zu reichen. Für mich sind meine Vorbilder diejenigen, die bereit sind, ihre Geschichten zu erzählen, ihre Momente der Schwäche zu teilen, großzügig mit ihrer Zeit und ihren Möglichkeiten umzugehen und niemals die Tür vor jemandem zu verschließen, der ihre Hilfe sucht.

#2 Seit wann setzen Sie sich persönlich für Gleichberechtigung und gegen Sexismus ein, insbesondere in der Anwaltschaft?

Ich habe immer gespürt, wie wichtig es ist, für Gleichberechtigung in unserem Beruf zu sorgen. Als Anwälte vertreten wir die Gesellschaft, und wir sollten die widerspiegeln, denen wir dienen. Es ist ein Wettbewerb, sich einen Ausbildungsplatz als Rechtsanwalt zu sichern, und ich widme nun Zeit, um bei der Gleichstellung beim Berufseinstieg mitzuhelfen. Ich betreue mehrere junge Frauen, die sich um eine Anwaltsstelle bewerben wollen. Mein Beruf hat ein Problem damit, Frauen nach mehreren Jahren der Praxis zu halten. Es fällt oft mit dem Alter zusammen, in dem Frauen Kinder bekommen. Ich spreche mich entschieden gegen eine Verlängerung der Betriebszeiten der britischen Gerichte aus - was die Arbeit für Personen mit kleinen Kindern oder anderen Betreuungsaufgaben fast unmöglich machen würde. Wenn wir sicherstellen wollen, dass wir eine vielfältige Anwaltschaft behalten, müssen wir praktische Maßnahmen in Betracht ziehen, um das tägliche Leben der Praktiker zu erleichtern.

#3 Wie wichtig sind die Medien, Presse, Radio und soziale Medien?

Die sozialen Medien haben den Anwaltsberuf wie nie zuvor geöffnet. Als ich 18 Jahre alt war und eine Karriere als Anwalt in Erwägung zog, fühlte sich der Beruf verschlossen und schwer zugänglich an. Jetzt können die Studenten sehen, wie Anwälte online ihrem Berufsleben nachgehen, sie können mit ihnen interagieren und erste berufliche Beziehungen knüpfen. Im weiteren Sinne hat die Öffentlichkeit einen Appetit darauf, mehr über einen Beruf zu erfahren, der - zumindest im Vereinigten Königreich - recht ungewöhnlich sein kann. Die Perücken und Kleider, die wir tragen, sind altmodisch, und es wird oft angenommen, der Beruf sei es auch.

Wir hoffen, dies zu entmystifizieren und den Beruf zu erklären, damit ein breiteres Spektrum von Studenten in Erwägung zieht, sich uns anzuschließen.

#4 Wer ist Ihr Publikum?

Wenn ich im Gerichtssaal bin, ist mein Hauptpublikum die Jury. Ich nehme Zeugen ins Kreuzverhör, um die Blöcke meines Falles zu bilden. Am Ende jedes Prozesses wende ich mich direkt an die Geschworenen und versuche, sie davon zu überzeugen, dass meine Argumente logisch und vernünftig sind und akzeptiert werden können. Außerhalb des Gerichtssaals spreche und schreibe ich sowohl für die Rechtsbranche als auch für die breite Öffentlichkeit. Ich habe mich über das Interesse der Öffentlichkeit gefreut, mehr über Kriminalität, Gerichte, Gefängnisse und Reformen zu erfahren.

Ich verbringe auch Zeit mit Mentoring und biete Online-Sitzungen für Studenten an, die vielleicht in den Beruf einsteigen möchten.

#5 Wer unterstützt Sie oder mit wem arbeiten Sie lieber zusammen?

Ich arbeite bei jedem Fall gerne mit einem breiten Spektrum von Personen zusammen. Ich habe das große Glück, dass ich in fast jedem Prozess mit einer neuen Gruppe von Menschen zusammenarbeite. Von meinen Gegnern bis hin zu den Polizeibeamten, von Sachverständigen bis hin zu meinen Anwälten - in den meisten Fällen sind verschiedene Personen beteiligt, was bedeutet, dass die Arbeit nie langweilig ist.

Wir arbeiten in einer Reihe von "Kammern", die aus gemeinsamen Anwälten bestehen, die sich ein Bürogebäude teilen, und aus "Sachbearbeitern", die unsere Tagebücher führen. Es ist ein kollegialer, freundschaftlicher Beruf, und die Kammern unterstützen ihre Mitglieder fast wie eine Berufsfamilie.

Ich habe das Glück, mehrere Mentoren in diesem Beruf zu haben - einige sind "QCs" und andere sind Richter- sie alle geben mir entscheidenden Rat und Anleitung, während ich meine Karriere vorantreibe.

#6 Ihr persönlicher Tipp für den Erfolg:

Seien Sie nett zu sich selbst.

Dieser Beruf kann mühsam sein, wenn die Stunden lang und die Fälle schwierig sind. Wir sehen Menschen, die die schlimmsten Tage ihres Lebens haben, und man erwartet von uns, dass wir am nächsten Tag aufwachen und alles noch einmal machen. Die schwere Verantwortung, die anstrengenden Gerichtsverfahren und die anhaltende Arbeitsbelastung bedeuten, dass Sie oft eine Pause brauchen werden.

Ich empfehle den Nachwuchsanwälten immer, einem Hobby oder einem Interesse ausserhalb des Gerichts nachzugehen. Ich habe mir in einem besonders stressigen Jahr einen Miniatur-Dackelhund gekauft und gehe gerne mit ihm vor und nach dem Gericht spazieren. Ich denke über die Fragen nach, die ich dem Zeugen stellen werde, oder über das juristische Argument, das ich vor dem Richter verfolgen werde - das hilft mir, den Kopf frei zu bekommen und meine Arbeitsbelastung zu planen.

Vielen herzlichen Dank.

Freuen Sie sich auf weitere außergewöhnlichen Persönlichkeiten und lassen Sie sich inspirieren!

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